Update | Analysestand vom 31. Mai 2020

Das IFEM Institut für empirische Medienforschung in Köln führt seit 1. Januar 2020 ein kontinuierliches Corona-NewsMonitoring der wichtigsten und meistgenutzten deutschen Fernsehhauptnachrichten ARD-Tagesschau (20 Uhr) und ZDF-heute (19 Uhr) durch. Mit dieser Studie dokumentieren und analysieren wir empirische Daten über die Informationsangebote in einer außergewöhnlichen Ereignislage. Die Studie wird aus aktuellem Anlass von uns durchgeführt. Für weitere Informationen nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf - daten@ifem.de

Hier erste Zwischenergebnisse der laufenden Analyse.

DIe Berichterstattung über die Corona-Krise lässt sich in folgende Phasen gliedern:

  1. Wahrnehmung und Warnung,
  2. Angstentstehung und Angstverbreitung,
  3. Aufklärung über Ursachen und Folgen,
  4. Gegenmaßnahmen,
  5. Erfolgskontrolle,
  6. Feedback aus der Bevölkerung,
  7. Schadensbegrenzung in Wirtschaft und Gesellschaft,
  8. Szenarien zur Rückkehr in die Normalität,
  9. Schuld- und Haftungsfragen,
  10. Die Rolle der Medien.

Für das 1. Quartal 2020 lassen sich folgende Befunde zusammenfassen:

Nach Beginn der Berichterstattung über die Corona-Krise am 20. Januar 2020 entwickelte sich der Verlauf im Januar und Februar in Konkurrenz zu anderen Themen eher zögerlich. Erst Mitte März stiegen Umfang und Ausdifferenzierung der Berichterstattung sprunghaft an.

Die heute-Nachrichten berichteten etwas umfangreicher als die Tagesschau. Im März widmete heute fast zwei Drittel seiner Sendezeit Corona-Themen.

Die Corona-Krise veränderte die Nachrichteninhalte wesentlich. Thematisch nahmen Katastrophen- und Seuchenberichte deutlich zu, während andere Themen an Sendezeit verloren. Die meiste Sendezeit der Corona-Themen entfiel auf Berichte über die Ausbreitung der Seuche. Die übrige Sendezeit verteilte sich auf Reaktionen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und dem Gesundheitssektor.

Die Corona-Krise wirkte sich auch wesentlich auf die Auftrittschancen von Politikern und Parteien in den Nachrichten aus. Im dreimonatigen Zeitraum hatten Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), gefolgt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die meisten Auftritte, während die Oppositionsparteien an Nachrichtenpräsenz verloren. Hinzu kamen häufige Auftritte von Sachexperten aus dem Gesundheitssektor.

Auf die CDU (49 %) entfiel fast die Hälfte aller deutschen Politikerauftritte, gefolgt von SPD (26 %) und CSU (11 %).
Auf Grüne, FDP, Linke und AfD entfielen zusammen weitere 11 Prozent.

Im Januar stand unter den von der Corona-Krise betroffenen Ländern China an vorderster Stelle. Mit zunehmender Ausbreitung der Corona-Seuche rückten europäische Länder, vor allem aber Deutschland selbst in den Vordergrund. Die China-Berichterstattung bestand hauptsächlich aus Corona-Themen. Aus diesen Beiträgen ließ sich schon erkennen, welchen Gefahren andere Länder bei Ausbreitung des Virus ausgesetzt sein würden.

Die WHO erwies sich in der Gefahreneinschätzung von Corona nach dem Verlauf der deutschen Nachrichten als zögerlich. Nach einer Meldung der Tagesschau vom 23. Januar, als China schon Millionenstädte abriegelte, sah die WHO noch keinen internationalen Gesundheitsnotstand. Erst am 11. März stufte die WHO das Coronavirus als Pandemie ein.

Ein erkennbarer Effekt, den die Corona-Krise und die Berichterstattung darüber auf die Börsenkurse hatten, zeigt sich im zeitlichen Zusammenhang mit zwei Schlüsselereignissen. Mit der Berichterstattung am 27. Februar über den Krisenstab der Bundesregierung setzt die Talfahrt des DAX ein. Sie verstärkt sich bis zum 13. März bei stark ansteigender Berichterstattung über den weltweiten Kampf gegen Corona.

Die Auswirkungen der Berichterstattung zeigen sich auch deutlich im Vergleich der Nachrichten vom März mit den Umfrageergebnissen des ZDF-Politbarometers der Forschungsgruppe Wahlen. Der Zusammenhang zwischen der Top 10 Rangliste deutscher Politiker in den Nachrichten und im Politbarometer weist eine starke Korrelation auf. In den Nachrichten belegten Angela Merkel, Jens Spahn und Markus Söder die Spitzenplätze, Olaf Scholz folgte an sechster Stelle und Armin Laschet an zehnter Stelle. Die Spitzenplätze im Politbarometer belegten Merkel, Söder, Spahn und Scholz, Armin Laschet folgte auf Platz 6. Die Gewinner im März waren Söder, Scholz und Laschet.

Im zeitlichen Verlauf der Phasen hatte die Berichterstattung bis Ende März Phase 4 „Gegenmaßnahmen“ erreicht. Der Ziel- und Wertekonflikt zwischen humanitärer Solidarität und Gesundheitsschutz vs. Wirtschaftsstabilisierung und Freiheitsrechten dürfte in den Monaten April und Mai dazu führen, dass sich die Thematisierung stärker auf Erfolgskontrolle, Feedback aus der Bevölkerung, Schadensbegrenzung der Wirtschaft, Szenarien zur Rückkehr in die Normalität sowie Schuld- und Haftungsfragen verlagert.

Aus wissenschaftlicher Sicht bietet die Corona-Pandemie eine einzigartige Chance, Daten über die Veränderungen von Informationsangeboten und deren Effekte unter außergewöhnlichen Ereignisbedingungen zu gewinnen. Aus politischer Sicht sind vor allem die Auswirkungen der Krise auf Themen und Profilierungschancen der Politiker von Interesse.